Plädoyer für die Landwirtschaft

22. August 2016

Bürgerinnen und Bürger, die der Landwirtschaft eher kritisch gegenüberstehen, verwenden in Diskussionen oft das Wort Subventionen. Sie beklagen sich häufig, dass die Bauern viel zu viel Geld vom Staat erhalten und sich zwei oder mehrere Autos bzw. landwirtschaftliche Fahrzeuge leisten können; es gehe den Bauern in der Schweiz viel zu gut.

Solch kritische Stimmen höre ich leider immer wieder, ich versuche ihnen dann zu erklären, weshalb die staatlichen Entschädigungen an die Landwirte gerechtfertigt sind und weshalb sie nicht von Subventionen reden sollten.

Warum sind die Entschädigungen an die Landwirte gerechtfertigt?
Die Schweizer Bundesverfassung beinhaltet unter anderen den Artikel 104 Absatz 1, in welchem ein klarer Auftrag für die Landwirtschaft formuliert ist, welcher sich im Wesentlichen auf folgende drei Punkte beschränkt:

1. Sichere Versorgung der Bevölkerung (mit Lebensmitteln)
2. Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und Pflege der Kulturlandschaft
3. Dezentrale Besiedelung

Der Staat, also wir Bürgerinnen und Bürger, beauftragen alle Landwirte in der Schweiz mit den erwähnten drei Punkten. Aus der Wirtschaft wissen wir, dass der Auftraggeber dem Auftragnehmer eine entsprechende Entschädigung für die Ausführung des Auftrages schuldet. In der Landwirtschaft ist das nicht anders! Exakt aus diesem Grund sind staatliche Zahlungen an die Landwirtschaft durchwegs gerechtfertigt und angebracht.

Weshalb sollte man nicht von Subventionen sprechen?
Unter Subventionen wird meist eine finanzielle Unterstützungs- oder Förderleistung an Betriebe und Unternehmen verstanden, die einerseits keine marktmässige Gegenleistung verlangt und andererseits marktverzerrende Auswirkungen nach sich zieht. Die Entschädigungen an die landwirtschaftlichen Betriebe können deshalb nicht als Subventionen bezeichnet werden, weil sie für den Erhalt der Gelder eine Leistung erbringen, und zwar die Erfüllung des Verfassungsauftrages.

Man spricht heute von Direktzahlungen, welche die erbrachten Leistungen abgelten. Es handelt sich nicht um Fördergelder, sondern eben um eine Entschädigung für die Auftragserfüllung. Zugegeben: Die Direktzahlungen wirken sich tatsächlich marktverzerrend aus, denn die Schweizer Produktpreise sind dank der Direktzahlungen mit internationalen Produktpreisen einigermassen konkurrenzfähig. Würde ein Schweizer Landwirt einen kostendeckenden Preis verlangen, müsste er feststellen, dass sich das Produkt sehr schlecht bis gar nicht verkaufen lässt.

Die perfekte Schweizer Landwirtschaft sollte in Zukunft kostendeckende Preise verlangen, die von Schweizer Konsumenten auch bezahlt werden, ohne dass Direktzahlungen fliessen müssten. Im Moment ist das aber Wunschdenken und von der Realität sehr weit entfernt.

Eine Schweiz ohne Landwirtschaft ist keine Schweiz
Die Landwirtschaft als Teil des Primärsektors trägt zur Bruttowertschöpfung in unserem Land einen verschwindend kleinen Anteil bei. Im Jahr 2014 betrug die gesamte Bruttowertschöpfung der Schweizer Wirtschaft gut 622 Milliarden Franken, der Primärsektor macht gerade einmal 0,8 Prozent davon aus. Trotz dieses äusserst geringen Anteils ist die Landwirtschaft für uns von grossem Wert. Dieser Wert lässt sich jedoch nicht in Geld messen.

Egal wohin wir fahren, ins Engadin, ins Prättigau oder ins Unterland, überall kreuzen wir Bauernhöfe, die das Landschaftsbild nicht nur mit ihrem Bestehen sondern auch mit ihrer Arbeit prägen. Wenn wir in die Berge fahren, stellen wir fest, dass die Alpen ebenfalls gepflegt wurden. Gäbe es diese Pflege nicht, würde das touristisch sehr wertvolle Kulturland gerade im Sömmerungsgebiet verschwinden, Bäume und Büsche würden Überhand gewinnen und innert kürzester Zeit wäre die einst offene Fläche verwildert und verwachsen. Offensichtlich wollen wir das nicht und deshalb müssen wir alles daran setzen, dass sich dabei nichts ändert.

Die Kulturlandschaftspflege ist nur eine von drei wichtigen Aufgaben der Landwirtschaft, eine zweite ist die Produktion von Lebensmitteln. In eher flachen Gebieten werden hochwertige Lebensmittel angebaut, in Berg- aber auch in Talgebieten werden Tiere gehalten, um von ihnen ebenfalls wichtige Nahrungsmittel wie zum Beispiel Milch und Fleisch zu gewinnen. Dank zahlreicher Schutzbestimmungen und Vorschriften, welche den landwirtschaftlichen Alltag durchaus stark einschränken und erschweren können, sind unsere Produkte äusserst umwelt- und tierfreundlich produziert worden. Dass dies seinen Preis hat, ist verständlich, doch wir müssen diese erstklassige Qualität von Schweizer Produkten in Zukunft vermehrt zu schätzen wissen.

Ich habe es erwähnt: Vorschriften und Schutzbestimmungen schränken die Landwirtschaft ein, die Regulierungsdichte ist sehr hoch und daraus ergibt sich der hohe administrative Aufwand für einen einfachen landwirtschaftlichen Betrieb. Die Politik ist gefordert, sie muss die von Vorschriften und Bürokratie geplagte Landwirtschaft genauso entlasten wie sie es bei der Schweizer Wirtschaft auch tun sollte.

Es liegt in unseren Händen, wie es der Schweizer Landwirtschaft geht! Wir müssen versuchen, die einheimische Produktion von Nahrungsmitteln, aber auch die landschaftsprägende Kulturlandschaftspflege vermehrt zu schätzen, indem wir unsere Landwirte unterstützen. Eine einfache Möglichkeit ist es, beim Einkauf in der Migros oder Coop darauf zu achten, dass möglichst in der Schweiz produzierte Nahrungsmittel im Einkaufswagen landen.

Fazit
Zum Schluss möchte ich nochmals betonen, dass wir die Schweizer Landwirtschaft brauchen. Ihr noch zusätzliche Hürden, wie zum Beispiel ein Freihandelsabkommen für Agrarprodukte, in den Weg zu legen, wäre fatal. Das im internationalen Vergleich sonst schon sehr hohe Lohn- und Kostenniveau der Schweiz lässt es nicht zu, dass Schweizer Landwirte noch günstiger produzieren. Es wäre anders gesagt der Anfang vom Ende der Schweizer Landwirtschaft und das kann nicht in unserem Sinne sein!

von Nicola Stocker, Präsident Junge SVP Graubünden